Zwei Verlage, zwei Chefredakteurinnen – zwei Meinungen? Dr. Katarzyna Mol-Wolf und Sabine Ingwersen

Kerstin Walkert
Kerstin Walker, veröffentlicht am 17. Mai 2022
Manager Corporate Communications / redaktionelle Leitung Bauer Media Blog

Was braucht es, um in diesen herausfordernden Zeiten erfolgreiche Frauenmagazine zu machen? Welche Inhalte informieren, unterhalten und inspirieren Leserinnen und Leser? Und warum ist die Vielfalt der Formate und Kanäle spannender denn je für angehende Journalistinnen und Journalisten?

Multi-Chefredakteurin Sabine Ingwersen verantwortet bei Bauer Media die Titel tina, Laura, Bella, Meins und Alles für die Frau. Mit Dr. Katarzyna Mol-Wolf (Kasia), Unternehmerin und Herausgeberin von Emotion, Hohe Luft, Emotion Working Women, Emotion Slow und Finanzielle, spricht sie über unterschiedliche Ansätze beim Blattmachen, die Begeisterung für Live-Events und darüber, welche Begleiterscheinungen der Digitalisierung beide nicht missen möchten.

Dr. Katarzyna Mol-Wolf und Sabine Ingwersen

Kasia, herzlich willkommen. Wir wollten dieses Gespräch schon vor zwei Jahren führen, haben es aber wegen der Corona-Beschränkungen mehrfach aufschieben müssen. Wir wollten uns unbedingt persönlich gegenüber sitzen! Umso schöner, dass Du heute da bist. Die letzten Jahre haben das berufliche wie auch das private Leben ziemlich aufgemischt…

Kasia Mol: …Aufmischen trifft es. Vor zwei Jahren, zu Beginn der Pandemie, kam mein Sohn zur Welt. Die erste Zeit mit ihm hatte ich mir anders vorgestellt. Statt mich zumindest ein wenig zurückzunehmen und diese Phase zu genießen, drehte sich beruflich plötzlich alles ums Neuorientieren. Ich musste mich voll und ganz auf neue Herausforderungen konzentrieren: Für mich als Blattmacherin, deren Job vom direkten Austausch und persönlichen Begegnungen lebt, waren die Kontaktbeschränkungen und die Organisation unseres Teams im Home Office eine Riesenhürde.

Sabine Ingwersen: Es war auch für uns ein Sprung ins kalte Wasser. Einer, den wir erstaunlich gut überstanden haben. Ich war von der positiven Energie überrascht, mit der jede und jeder seinen Job aus dem Home Office gemanagt hat. Wir hatten kurz zuvor die neue Office 365-Technologie ausgerollt und waren auf das Remote Arbeiten vorbereitet. Aber unsere Journalistinnen und Journalisten waren in ihrem Job monatelang eingeschränkt, sie konnten zweitweise weder reisen noch persönliche Interviews führen.

Kasia, Du bist zweifache Mutter und Blattmacherin, schreibende Verlegerin, Podcast-Host und Gastgeberin des Emotion Women’s Day! Wow, woher nimmst Du diese Power?

Mir gibt es Kraft, ganz auf meinem eigenen Weg zu sein: Mich inspiriert meine Arbeit, die vielen Begegnungen mit tollen Menschen. Ich ziehe Energie daraus, Frauen zu vernetzen und darin zu bestärken, sich durch den Weg, die Haltung oder das Lebensmodell anderer inspirieren zu lassen.

Sabine, als Chefredakteurin leitest Du verschiedene Redaktionsteams, bist Initiatorin des Gen-WOW-Festivals und Mitglied des Kuratoriums unserer Journalistenschule. Beruflich bist Du wie Kasia auf vielen unterschiedlichen Ebenen unterwegs, Du hast einen mittlerweile erwachsenen Sohn. Wie tankst Du auf?

Verrückt, dass wir ausgerechnet die Normalität so vermisst haben.

Sabine Ingwersen

Ich schöpfe neue Energie aus der vollständigen Ruhe. In die Stille zu gehen, hilft mir, um wieder Kraft für Neues zu tanken. Nie hätte ich gedacht, dass ich nach über zwei Jahren Pandemie die kleinen Momente so schätzen würde. Selbst die kurze Begegnung an der Kasse im Supermarkt hat für mich wieder einen Wert. Verrückt, dass wir die Normalität so vermisst haben! Diese Wertschätzung kann von mir aus gern anhalten.

In die Titel, die Ihr verantwortet, fließt viel Herzblut. Sabine, wie viel von tina steckt in Dir?

Sabine: Ich bin für tina, die vor 45 Jahren das Womens Weekly Segment begründet hat, seit elf Jahren verantwortlich. Ich begleite sie in ihrem Erwachsenenalter und zum Erwachsenwerden gehört auch, sich immer weiterzuentwickeln! Das beste Beispiel ist die Digitalisierung, die unsere Lebenswelten in eine neue Richtung gelenkt hat. Berufliche Kontakte finden häufig virtuell statt; wir tauschen uns in Video-Calls aus, chatten mit Kolleginnen und Kollegen über Teams. Das betrifft unsere Leserinnen genauso wie uns. Wir müssen diese Veränderung annehmen, um zu wachsen. Gleichzeitig lieben wir echte Begegnungen, tiefgehende Gespräche mit Menschen – das Leben besteht aus scheinbar widersprüchlichen Entwicklungen, und wir bilden sie in tina ab. Das entspricht auch meiner DNA.


Kasia: Emotion hast Du vor fast 13 Jahren gekauft, wie sehr ist die Marke ein Teil von Dir?

Unsere Themen sind gesellschaftlich hochaktuell. Auch in meinem Leben kreist alles darum, sich immer wieder anzuschauen, ob der eigene Weg der richtige ist. Emotion will Frauen empowern, sie in ihrer Entwicklung begleiten. Das ist auch mein Lebensmotto.

Die Digitalisierung hat das Publishing demokratisiert. Heute erreichen wir über neue Kanäle mit guten Ideen viele potenzielle Leserinnen!

Kasia Mol-Wolf

Emotion, tina und Meins sind im rückläufigen Publishing-Geschäft weiterhin erfolgreich, weil Ihr die Wünsche und Bedürfnisse der Leserinnen kennt und die jeweilige Marke weiterentwickelt. Wie macht Ihr das?

Kasia: Es ist wichtiger denn je, Menschen auf allen Kanälen zu erreichen. Mein Team und ich empfinden das als riesige Chance: Die Digitalisierung hat das Publishing demokratisiert! Als ich vor 12 Jahren als Unternehmerin gestartet bin und Emotion übernommen habe, war es entscheidend für unsere Reichweite, welche Platzierung am Kiosk oder im Buchhandel man sich leisten konnte. Das ist noch immer wichtig, aber wir haben heute zusätzliche Möglichkeiten. Über neue Kanäle und mit guten Ideen erreichen wir potenzielle Leserinnen – beispielsweise auf Social Media, mit unserem Newsletter oder bei unserem jährlich stattfindenden Emotion Women‘s Day. Das Feedback der Leserinnen und Besucherinnen, welches wir darüber zurückgespielt bekommen, ist extrem wertvoll.

Sabine: Ich gebe Dir Recht: der Kontakt zu den Leserinnen ist das A und O. Über Events gelingt es uns, Leserinnen zu begeistern, beispielsweise mit unseren tina-Landmärkten, bei denen Redakteurinnen und Redakteure mit den Leserinnen zusammenkommen. Oder mit dem Gen-WOW-Festival. Deutschlands erste virtuelle Hausparty für Frauen 50plus und ein großartiger Erfolg. Wir haben 12 Millionen Frauen erreicht.

Wie setzt Ihr das Feedback der Leserinnen um?

Sabine: Wir laden es auf mit Daten und Fakten, die unser Research und Consulting-Bereich erhebt. In Workshops entwickeln wir dann die Marken weiter, kreieren Themenwelten für Sub-Titel und Line Extensions wie tina Gesund & Fit, tina Extra und tina Monthly. Wir wissen, welche Themen die Leserinnen bewegen und machen Geschichten, die berühren, unterhalten und informieren. Ein Beispiel erklärt das vielleicht am besten: Unsere Chefreporterin war nach Kriegsbeginn an der Grenze zur Ukraine und hat für tina eine Ukrainerin auf ihrer Flucht nach Deutschland begleitet. Der Krieg ist furchtbar – ein hochaktuelles, verstörendes Thema – eines, das uns alle sehr beschäftigt und das wir einordnen müssen – deshalb sind Geschichten wie diese ein Teil von tina, den Leserinnen wertschätzen.

Wir erleben, dass sich zurzeit viele Frauen neu orientieren, den eigenen Weg noch einmal hinterfragen – es ist eine Phase des Wandels!

Kasia Mol-Wolf

Ist es für Euren Erfolg entscheidend, dass die Inhalte glaubwürdig sind?

Kasia: Unbedingt! Bei Emotion arbeiten Journalistinnen, die Frauen voranbringen wollen. Wer Emotion macht, muss hinter den Inhalten stehen: Die Leserin spürt es, wenn eine Geschichte nicht authentisch ist. Deshalb gilt unser Anspruch für die Themen wie für unsere Cover: Wir zeigen auf dem Titel nur Frauen, die im Leben stehen, sich weiterentwickeln wollen oder Besonderes leisten. Wir hinterfragen immer sehr genau, wofür eine Person steht.

Sabine: Mein Vorteil als Multi-Chefredakteurin ist: unsere Frauen-Titel adressieren alle die Zielgruppe 40+. Die verantwortlichen Redaktionsteams gestalten für jeden Titel eigene Inhalte, gleichzeitig nutzen wir übergreifend Synergien und liefern für jeden Titel neben dem besten Dreh für eine Geschichte maßgeschneiderte Serviceinhalte. Häufig diskutieren wir darüber sehr intensiv und kritisch. Manchmal ändern wir den Kurs, wenn sich die Bedürfnisse draußen wandeln und wir inhaltlich in eine andere Richtung gehen müssen.

Klingt, als wäre Publishing nach wie vor ein spannendes Feld für Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten?  

Kasia: Auf jeden Fall! Nicht bloß bei Emotion setzen wir auf Vielfalt im Markenkosmos. Die Format- und Kanal-Diversität bestimmt mittlerweile den gesamten Publishing-Markt. Wer das für sich nutzt, dem öffnet sich im Journalismus ein wahnsinnig spannendes Spielfeld.

Sabine: Das sehe ich genauso. Der Journalismus wird ein anspruchsvolles Berufsfeld bleiben, in dem man sich fantastisch weiterentwickeln kann, vor allem wenn man auf einem bestimmten Gebiet Skills oder eine ausgewiesene Expertise hat. Wir bilden unseren Nachwuchs an der eigenen Journalistenschule aus. Über die Stammredaktion, in der unsere Young Talents während ihrer Ausbildung arbeiten, lernen sie die Marke sehr gut kennen. Während ihrer Ausbildung schnuppern sie dann in weitere Redaktionen hinein. Mein Tipp für junge Talente: ergreift eine der vielen Chancen, die sich Euch bieten.

Wir sind Journalistinnen und Journalisten, die darüber schreiben was sie erleben. Dazu gehört, sich aus der eigenen Komfortzone herauszubewegen.

Sabine Ingwersen

Apropos Zusammenarbeit: Wie steht‘s in Euren Teams mit New Work?

Kasia: Die vergangenen Monate waren hart, für die gesamte Branche. Die Pandemie hat die Digitalisierung gepusht und unsere Zusammenarbeit umgekrempelt. Vor der Pandemie waren wir bei Emotion eher auf das Office fokussiert, das wandelt sich gerade. Viele meiner Mitarbeiterinnen wünschen sich einen höheren Home Office-Anteil. Gleichzeitig merken wir wie gut es uns tut, wenn wir uns wieder persönlich treffen und Themen gemeinsam anschieben. Da müssen wir uns neu zusammenfinden.

Sabine: Diese Ambivalenz erleben wir auch: Unsere Zusammenarbeit über die letzten 24 Monate war trotz langer Home Office-Phasen großartig. In Sachen Technologie und Flexibilität sind wir besser geworden! Aber wir sind Journalistinnen und Journalisten, die über das schreiben, was sie erleben. Da gehört es unbedingt dazu, sich aus der eigenen Komfortzone herauszubewegen. Menschen zu sehen, zuzuhören. Unsere Zusammenarbeit lebt vom Kontakt mit anderen. Die kreative Energie in einem Raum ist so viel größer.

tina, Laura, Bella, Meins und Alles für die Frau – die wöchentlichen Frauentitel der Bauer Media Group werden unter der Leitung von Sabine Ingwersen herausgegeben; Zusätzlich zur wöchentlichen tina erscheinen tina Gesund & Fit (5 Ausgaben pro Jahr), tina Extra (9 Ausgaben pro Jahr), tina Monthly (12 Ausgaben pro Jahr). Hinzu kommen 16 Bundle-Ausgaben – das entspricht 94 EVTs im Jahr! Insgesamt erreicht tina monatlich zwei Millionen Leserinnen und Leser. Digital sind die Themen auf Wunderweib, der relevantesten, größten und erfolgreichsten Plattform für Frauen eingebunden.
Seit 2019 ist die tina-Redaktion auf den schönsten Landmärkten Deutschlands unterwegs. Das Redaktionsteam gestaltet gemeinsam mit den Leserinnen kreative Do-It-Yourself-Projekte, veranstaltet wunderschöne Landpartien und sucht den intensiven Austausch zwischen Redaktion und Leserschaft direkt vor Ort.  Mit Veranstaltungen wie dem tina Anti-Aging Beauty Award geht tina immer wieder neue Wege, um die Leserinnen und Kunden aktiv mit einzubinden. Mit dem Gen-WOW-Festival, Deutschlands erste virtuelle Hausparty für Frauen 50plus, haben wir einen großartigen Erfolg gefeiert und 12 Millionen Frauen erreicht.

EMOTION ist die Plattform für starke Frauen und hat sich seit der Gründung der EMOTION Verlag GmbH im November 2009 zum EMOTION Woman’s Network entwickelt, das monatlich über 3 Millionen Frauen erreicht. Die Marke vernetzt, inspiriert, fördert und stärkt Frauen mit ihren Zeitschriften EMOTION, EMOTION SLOW, EMOTION WORKING WOMAN und finanzielle von EMOTION, digitalen Angeboten und den EMOTION.events. Bei den EMOTION Awards, die 2021 bereits zum 10. Mal vergeben wurden und eine Reichweite von über 47 Millionen erzielten, erhalten starke Frauen, die Großartiges geleistet haben, eine Bühne. Gemeinsam mit dem EMOTION Women’s Day werden über Events regelmäßig Plattformen geschaffen, auf denen Frauen sich gegenseitig inspirieren und vernetzen können. Die EMOTION Verlag GmbH ist ein Teil von INSPIRING NETWORK und beschäftigt derzeit rund 55 Mitarbeiterinnen.

Sie haben Rückfragen? Dann melden Sie sich gerne bei Kerstin Walker.

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