Was Schachspielen und erfolgreiches Leadership gemeinsam haben

Janett Schneidert
Janett Schneider, veröffentlicht am 9. Juni 2022

Strategische Entscheidungen, das Zusammenspiel von verschiedenen Figuren auf dem Spielbrett, Zeitdruck… Wir sprechen mit Melanie Lubbe, Arbeits- und Organisationspsychologin sowie professioneller Schachspielerin und -trainerin, und Frank Fröhling, Managing Director Bauer Advance, im Rahmen des 16. Pharma-Symposiums über die Kunst des Schachspielens – und was wir daraus für erfolgreiches Leadership ableiten können.

Liebe Frau Lubbe, Schach und gute Führung haben viele Parallelen: Was haben Managerinnen und Manager und Schachspieler aus Ihrer Sicht gemeinsam?

Melanie Lubbe: Schach ist zwar ein Spiel, ähnelt den Herausforderungen im Business aber sehr. Um erfolgreich zu sein, müssen sich Schachspieler und Manager in komplexen Situationen zurechtfinden, kreative und innovative Lösungswege entwickeln, unter Zeitdruck souverän agieren und mit Risiken angemessen umgehen. Es werden zahlreiche Entscheidungen getroffen, die meist einen direkten Einfluss auf Erfolg oder Misserfolg haben. Dabei sollten Managerinnen und Manager wie Schachspieler nicht nur ihre Wettbewerber bzw. Gegner, sondern vor allem ihr eigenes Team (Mitarbeiter bzw. Schachfiguren) im Blick haben.

Welche Erkenntnisse lassen sich für gutes Leadership aus einer Schach-Partie ableiten bzw.  lassen sich daraus Strategien auf Management- und Führungsfragen übertragen?

Melanie Lubbe: Eine Schachpartie verläuft meist dann erfolgreich, wenn das Zusammenspiel aller Figuren optimal aufeinander abgestimmt ist und die jeweiligen Stärken der einzelnen Figuren bestmöglich zum Einsatz kommen. Das lässt sich mit guter Mitarbeiterführung vergleichen, wo alle Teammitglieder ihre jeweiligen Stärken einbringen können und so gemeinsam zum Erfolg beitragen.

Frank, warum ist es so wichtig verschiedene Figuren (Talents) auf dem Spielfeld zu haben, um erfolgreich zu sein?

Frank Fröhling: Erfolgreiche Werbung setzt sich immer aus vielen unterschiedlichen Facetten zusammen, die in sich die höchsten Expertisen erfordern, zeitgleich, aber sinnvoll zusammengebunden werden müssen. Was meine ich: Um eine Kampagne aufzusetzen bedarf es zunächst einer Idee, einer Story, eines Narrativ. Wir brauchen zu Beginn also eine enorme kreative Leistung. Zeitgleich bedarf es aber auch eines Marktverständnisses. Mit wem will ich kommunizieren, wie sehen die Zielgruppen demografisch und psychografisch aus? Das bedeutet, ich brauche Analystinnen und Analysten und Marktforscherinnen und-forscher. Dann überführen wir die Erkenntnisse aus Story und Zielgruppen in Medienfunktionalitäten. Hier bedarf es eines tiefen Marken- und Medienverständnisses. Parallel errechnen und prognostizieren wir erforderliche Leistungswerte einer Kampagne. Es kommen also auf einmal mathematische Prozesse ins Spiel. Dann müssen diese Ideen und Konzepte mit Kunden diskutiert werden. Es kommen also Vertriebler ans Werk. Wenn Kampagnen dann umgesetzt werden, muss all‘ das ausgespielt, gesteuert und schlussendlich natürlich auch abgerechnet werden. Hier brauche ich keine Kreativen mehr, hier bedarf es Menschen, die mit höchster Sorgfalt für die Umsetzung sorgen. Wir haben also unfassbar viele unterschiedlichste Anforderungen. Figuren, wenn Du so willst. Und diese müssen, obwohl sie absolut unterschiedlich denken, zusammenwirken.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die richtigen Menschen, zur richtigen Zeit, an der richtigen Stelle Meisterliches vollbringen können – hier spielt auch Motivation und das Schaffen von Anreizen eine große Rolle. Wir geben Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit, sich so weiterzuentwickeln, wie sie es möchten – denn wir sind überzeugt, dass Zufriedenheit mit der eigenen Position ein wichtiger Faktor ist und zu Höchstleitung motiviert. Genauso wichtig ist es jedoch auch eine Perspektive zu geben – ein Bauer kann, wenn er das Spielfeld erfolgreich überquert hat, schon mal zur Dame werden…

Dabei finde ich Bauer ja zu jedem Zeitpunkt die attraktivste Figur 😉

Was unterscheidet einen Großmeister von einem mittelguten Spieler? Beziehungsweise eine gute Führungskraft von einer mittelguten?

Melanie Lubbe: Meiner Meinung nach sind es die folgenden vier Strategien, die Großmeister von mittelguten Spielern unterscheidet und von denen auch Führungskräfte profitieren können: Großmeister denken langfristig, trainieren ihre Intuition, analysieren ihre Entscheidungen und sehen ihre Fehler ein.

Während Schach-Anfänger dazu neigen, den Gegner mit billigen Tricks in eine Falle locken zu wollen, legen Großmeister Wert auf eine langfristige und nachhaltige Strategie, die auch bei bestem gegnerischen Spiel funktioniert.

Eine gute Führungskraft hat ebenfalls das große Ganze im Blick und vermeidet beispielsweise schnelle, wenig durchdachte Einstellungen, um akute Probleme zu lösen. Mittelfristig könnte so eine Aktion nämlich zu schlechten Ergebnissen und Unruhe im Team führen.

Eine gute Intuition ist wichtig, um gute, kreative und schnelle Entscheidungen zu treffen. Mittelgute Spieler und Führungskräfte verlassen sich hierbei nur auf ihre eigene Erfahrung, die sie mit jeder Schachpartie und jeder getroffenen Entscheidung gesammelt haben.

Das Problem dabei: Erfahrung ist zwar ein wichtiger Bestandteil der Intuition, reicht alleine aber nicht und kann sogar zu schlechten Entscheidungen führen. Deswegen ist es wichtig, die Intuition immer wieder auf den Prüfstand zu stellen und zu trainieren.

Großmeister trainieren ihre Intuition, indem sie sich regelmäßig Feedback und Impulse von außen holen. Zum Beispiel arbeiten sie mit einem Schachtrainer oder lassen sich von anderen Meisterspielern inspirieren.

Führungskräfte können ebenfalls mit einem Coach zusammenarbeiten und sich von einem Mentor, einer Mastermind-Gruppe oder einem Sparringspartner Feedback und Inspiration holen.

Um stetig besser zu werden, analysieren Schach-Großmeister ihre gespielten Partien und die darin getroffenen Entscheidungen. Das hilft ihnen dabei, mögliche Alternativen zu entdecken und zukünftig in ähnlicher Situation besser zu agieren. Mittelgute Spieler hingegen spielen eine Partie nach der nächsten, ohne sich mit ihren vergangenen Entscheidungen auseinanderzusetzen.

Gute Führungskräfte machen es wie die Schach-Meisterspieler und reflektieren ihre getroffenen Entscheidungen regelmäßig. Nur so können Fehler entdeckt und in Zukunft vermieden werden.

Beim Schach gibt es die Berührt-Geführt-Regel. Bedeutet: wenn man eine Figur berührt hat, muss man diese auch ziehen.

Wenn es sich bei diesem Zug um einen Fehler handelt, könnte man jedoch die Figur im nächsten Zug wieder zurückziehen. Dadurch verliert man zwar wertvolle Zeit, könnte anschließend aber die richtige Strategie verfolgen.

Großmeister erkennen, wenn sie einen Fehler gemacht haben und ziehen notfalls ihre Figur wieder zurück. Damit stellen sie ihr Ego hinten an und versuchen das beste aus der aktuellen Situation zu machen. Auch gute Führungskräfte zeigen Größe und stehen zu ihren Fehlern.

Das unterscheidet sie von mittelguten Spielern und Führungskräften, die in der Regel an ihrer Strategie festhalten. Ähnlich wie bei der Versunkene-Kosten-Falle, die immer dann auftritt wenn an einer schlechten Strategie festgehalten wird nur weil bereits Kosten, Zeit oder Mühen investiert wurden.

Mit Führung ist es manchmal wie im Spiel, aber es ist kein Spiel! Uns geht es um die Menschen und darum gemeinsam jeden Tag das beste Ergebnis für unsere Kunden abzuliefern.

Frank Fröhling, Managing Director bei Bauer Advance

Frank Fröhling: Frau Lubbe hat das bereits großartig dargelegt und ich kann ihr nur zustimmen. Gute Führung ist komplex – und dynamisch. Die Ansprüche ändern sich fortlaufend. Eine gute Führungskraft weiß das und gibt sich nie mit dem Status quo zufrieden.

Ich würde gerne einen Gedanken von Frau Lubbe aber insbesondere aufgreifen: Demut. Führung heute geht nicht mehr linear von oben nach unten. Auch Führungskräfte sind Menschen und machen Fehler. Damit jedoch transparent umzugehen, sich und dem Team einzugestehen, dass Dinge manchmal nicht so rund laufen wie vielleicht geplant, das zeigt eher Stärke als Schwäche! Learnings werden häufig aus vermeintlichen Fehlern oder Misserfolgen gezogen und sind so enorm wichtig für Weiterentwicklung. Nur damit wir uns hier richtig verstehen, es geht nicht darum Fehler zu machen, wir sollten sie dringlich vermeiden. Aber, um heute erfolgreich sein zu können, müssen wir schneller werden – und damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass wir Fehler machen. Es geht also heute nicht mehr primär um Fehlervermeidung, es geht darum Irrtümer und Fehleinschätzungen schnell zu erkennen, sie zu korrigieren und die Dynamik nicht abreißen zu lassen, die wir heute brauchen, um erfolgreich im Markt agieren zu können.

Anders ausgedrückt: Mit Führung ist es manchmal wie im Spiel, aber es ist kein Spiel! Uns geht es um die Menschen und darum gemeinsam jeden Tag das beste Ergebnis für unsere Kunden abzuliefern. Unsere Palette an möglichen Spielzügen ist groß, wir gehen mutig voran, denken strategisch in die Zukunft und haben den Anspruch jeden Tag noch besser zu werden und uns selbst immer wieder zu challengen und herauszufordern! Denn: Wenn wir spielen, spielen wir um zu gewinnen!

Über das Pharma-Symposium
Das Pharma-Symposium von Bauer Advance, dem zentralen Vermarkter der Bauer Media Group und weiterer Mandate, fand am 02./03. Juni 2022 bereits zum 16. Mal statt. Der exklusive Kongress für Vertreter der Pharma- und Gesundheitsbranche verfolgt seit jeher das Ziel neue Impulse für den unternehmerischen Alltag zu liefern und Themen aus neuen Blickwinkeln zu beleuchten und im geschützten Rahmen zu diskutieren. Expertenvorträge im kurzen, intensiven TED-Format geben Stimulation für Austausch und Networking innerhalb des Pharma-Kosmos – und darüber hinaus.

Weitere Informationen zum diesjährigen Pharma-Symposium „Meisterspiele – Wissen. Können. Wagen.“ finden Sie hier: www.pharmasymposium.de

Sie haben Rückfragen? Melden Sie sich gern bei Katrin Hienzsch oder Janett Schneider 

Copyright für alle Bilder: ©Bauer Media Group, Niklas Marc Heinecke

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