„Während einer Krise brauchen wir mehr Führung“

Um das Risiko zu senken, an Corona zu erkranken oder andere anzustecken, sind vor ein paar Wochen rund 1.400 Kolleg*innen der Bauer Media Group ins Home Office umgezogen: Für einige völliges Neuland, für andere gehörte FlexOffice schon längst zum Arbeitsmodus. Agile Coach Katharina Kohl und Head of Content Commerce Franziska Happe von der Bauer Xcel  ziehen nach vier Wochen Home Office Bilanz: Was haben wir verändert, was klappt gut und womit erleichtern wir uns den Home-Office-Alltag? 

Das Interview mit Katharina Kohl und Franziska Happe findet, ganz logisch, via Microsoft Teams Videocall statt: Im Hintergrund streicht deshalb auch mal Franziskas Katze durchs Bild, Katharina erreichen wir in ihrem Elternhaus, in das sie mitsamt Mann und Kind vorübergehend umgezogen ist. Bei der Xcel Media arbeitet Katharina als Agile Coach, Franziska ist als Head of Content Commerce verantwortlich für ein Redaktionsteam, das Shoppable Content erstellt. Die beiden erzählen, wie die Bauer Xcel mit der neuen Situation umgeht und warum Verständnis und Kommunikation während einer Krise so wichtig sind.

Katharina, Franziska, die Bauer Xcel ist die Digitalschmiede der Bauer Media Group – Was technische Innovationen, digitales Know-how und agiles Arbeiten angeht, seid Ihr alte Hasen. Wie war Euer Arbeitsstil „vor Corona“ – was ist neu und anders?

Katharina Kohl, Agile Coach Bauer Xcel

Katharina: Wir haben schon einige Erfahrung, was agiles Arbeiten angeht, aber um durchgehend im Home Office arbeiten zu können, mussten auch wir uns umstellen: Einige Teammitglieder haben zwar auch vor Corona schon ab und an FlexOffice gemacht, aber alle auf einen Schlag an die Schreibtische zu Hause umzuziehen, war ein Kraftakt, von dem wir nicht wussten, ob er gut gelingt. Aber es läuft und was mir besonders auffällt, ist, dass wir einiges besser machen als vorher: Wir nehmen mehr Rücksicht aufeinander und zeigen noch mehr Verständnis für Kolleg*innen und deren private Situation (zum Beispiel die zusätzliche große Belastung, im Homeoffice gleichzeitig noch die Kinder zu betreuen). Meine Wahrnehmung ist, dass wir gerade untereinander eine unheimlich große Hilfsbereitschaft zeigen.

Franziska: Das Know-how und die technischen Möglichkeiten waren schon vor dieser Zeit da: Wir haben Video Calls via Teams abgehalten, uns in Dailys upgedated etc. Dass die Teams diese Rahmenformate bereits vor der Home Office-Zeit etabliert hatten, hat uns dabei geholfen, den Übergang flüssig hinzubekommen und uns in die neue Situation einzufinden.

Wir merken aber auch, dass wir im Home Office die Möglichkeit haben, uns in Sachen Kommunikation zu verbessern: Zum Beispiel lernen wir, in Meetings noch disziplinierter zu sein und genauer zuzuhören.

Franziska Happe, Head of Content Commerce Bauer Xcel

Sind im Unternehmen Führung, Transparenz, Kommunikation und die sich damit verändernde Unternehmenskultur jetzt wichtiger denn je?

Katharina: Ja, während einer Krise brauchen wir mehr Führung. Diese Zeit ist nicht nur wirtschaftlich, sondern emotional extrem belastend. Jede*r Einzelne braucht im Unternehmen Klarheit. Führungskräfte können Sicherheit durch „Überkommunikation“ schaffen; indem auch kleinste Schritte transparent kommuniziert werden. Gleichzeitig sollten Führungskräfte sich immer wieder fragen: Wie nah bin ich am Team dran? Was kann ich tun, um den Kolleg*innen den Rücken zu stärken? Was braucht jede*r Einzelne im Team? Und was läuft noch nicht rund?

Franziska: Genau – man schneidet nicht mehr alles mit, wenn jeder in seinem eigenen Wohnzimmer statt einander gegenüber am Arbeitsplatz sitzt. Deshalb ist es jetzt noch wichtiger, genau zuzuhören und hinzuschauen, damit man die Probleme der Mitarbeiter*innen mitbekommt und sich darum kümmern kann. Außerdem: Vertrauen in die Mitarbeiter*innen ist jetzt wichtiger denn je – und ihnen das auch zu sagen. Selbstorganisierte Teams können besser, flexibler auf solche Situationen wie die jetzige reagieren. Es profitiert also, wer vorher sein Team schon so befähigt hat, dass es selbstorganisiert arbeiten kann und nicht jeden Arbeitsschritt absegnen lassen muss. Das beinhaltet vor allem auch, den Leuten die Angst davor zu nehmen, Fehler zu machen.

Und: Es steht und fällt mit dem Vertrauen in die Führungskraft. Wenn das Gefühl entsteht, die Führungskraft nimmt die kleinen Probleme nicht ernst, kann gerade in der jetzigen Zeit Verunsicherung entstehen, wo bei vielen eh eine Grundangst herrscht. Deshalb: möglichst greifbar sein, regelmäßig Feedback geben und Unterstützung anbieten.

Die meisten kennen mittlerweile entweder Microsoft Teams oder vernetzen sich über Slack oder Google Meet. Wie sorgt ihr mit diesen Tools virtuell für mehr Team-Zusammenhalt?

Katharina: Über den Tag verteilt eilen die meisten von uns von einem virtuellen Meeting ins nächste, aber wo bleibt der Austausch untereinander? Wichtig ist, dass wir gerade jetzt Raum für Informelles schaffen, denn die Situationen, in denen man „mal eben am Platz vorbei geht“ oder „gemeinsam an der Kaffeemaschine steht“, gibt es nicht mehr. Wenn ich also herausfinden möchte, wie es meinem Team geht, muss ich genau hinhören: Da helfen neue Formate und Angebote wie beispielsweise Huddles, in denen wir uns austauschen, um mehr über unsere gegenseitigen Bedürfnisse zu erfahren. Huddle-Meetings sind super, um in Remote-Teams und insbesondere in Zeiten der Krise das Wir-Gefühl zu stärken. Wir haben Huddles in der Home-Office-Zeit neu eingeführt, die gab es vorher noch nicht in der Bauer Xcel. In diesen Meetings geht es nicht um die Arbeit an sich, sondern wir schaffen einen Raum für Austausch, die persönliche Situation und den Umgang mit der aktuellen Lage. Die Kolleg*innen werden aber auch selber kreativ und organisieren Wein- oder Spieleabende, gründen Buchclubs oder essen zusammen Mittag. Andere treffen sich zum Quatschen in eigens dafür angelegten Teams-Videoräumen. Für das Team-Gefühl sind diese Treffen toll.

How Teams Can Meaningfully Connect Remotely | Simon Sinek, Stephen Shedletzky

Was sind die Chancen in der Krise für Unternehmen wie Bauer Media?

Franziska: Wir alle lernen in kürzester Zeit unglaublich viel. Diese steile Lernkurve wird die Art, wie wir künftig miteinander arbeiten, komplett verändern. Unternehmen, die es vorher nicht waren, werden digitaler – und gleichzeitig agiler, mutiger und experimentierfreudiger. Wichtig wird vor allem sein, Gelerntes nicht wieder zu verlernen: Welche Dinge liefen in der Home-Office-Zeit vielleicht sogar besser als vorher und warum? Welche Mitarbeiter*innen konnten sich zu Hause besser konzentrieren als im Büro – und warum sollten wir ihnen das nicht auch weiterhin ermöglichen? Mit welchen Stärken tun sich Einzelne gerade hervor – und wie können wir diese auch hinterher weiter fördern?

Was können wir tun, um bestmöglich zu profitieren?

Katharina: Lasst uns den Fokus auf das Positive richten! Jeder von uns sollte sich immer wieder fragen, was man persönlich als positiv in der Krise wahrnimmt. Gleichzeitig hilft es, mehr Spontaneität zuzulassen und zu versuchen, das Beste aus jedem Tag zu machen.

Learnings:

  • Meetings nicht 1:1 übertragen, sondern sich fragen: was braucht es jetzt?
  • Remote ist es besonders wichtig, Raum für Informelles zu schaffen.
  • Aufgabe der Führungskräfte: Was kann ich tun, um jedem in meinem Team den Rücken zu stärken? Was brauchen die Kolleg*innen? Was läuft nicht?
  • Fokussieren auf Positives.

Das Interview mit Katharina und Franziska führte Kerstin Walker.

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